Heute einmal ein Beitrag von dem Gastschreiber C. Holler zum dem Thema Schulreform in Hamburg. Ich hatte ja bereits einen kurzen Artikel hierzu geschrieben. Ein paar mehr Gedanken dazu folgen jetzt:
Dieser Text entstammt einem Hamburger Abiturienten, 1977 in normalen Verhältnissen geboren. Heute ist er seit sechs Jahren geschäftsführender Gesellschafter einer Werbeagentur und arbeitet nebenher gemeinnützig in einer Hortgruppe als Hausaufgabenhilfe. Claudius Holler hat umzugsbedingt sieben verschiedene Schulen – unter anderem ein Münchner Gymnasium – besucht und an einer Privatschule Grafikdesign studiert.
Wir wollen lernen – was klingt wie der herzerweichende Ausruf bislang benachteiligter Kinder, ist doch nur plumpe Worthülse von ordinärer Lobbyarbeit. Die üblichen Werkzeuge, wie Panikmache und wohlwollender finanzieller Backround, werden unterm Strich zu nicht mehr als der Sicherung der Pfründe genutzt. Der Sicherung eines altbekannten, selektiven Schulsystems, in dem bürgerliche Klientel im Zweifel ihren Nachwuchs nach unten hin absichern kann.
Schlussendlich geht es um nicht mehr, als um die Verhinderung einer schon viel zu kompromissbehafteten Schulreform, zu Lasten jeglichen Solidaritätsprinzips und zu Gunsten vermeintlicher Besserstellung von Gymnasiasten. Doch bei allem Respekt für das Wohlergehen jeden Individuums, muss spätestens bei staatlicher Bildungspolitik das Gemeinschaftswohl über allem stehen. Das allerdings bedeutet, die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen der Vergangenheit als fürsorgender Staat zu kompensieren.
Ja, der Anteil sozial benachteiligter Schüler wächst, während andererseits gutmeinende Eltern ihre Kinder schon in frühestem Alter mit zahlreichen Zusatzkursen in ihrer freien Entwicklung regulieren. Da wächst an beiden Rändern der Gesellschaft eine Jugend heran, welche den Anforderungen der Realität kaum gerecht werden kann. Als Folge gibt es – überhöht formuliert – Schulabbrecher ohne jeglichen Abschluss oder freizeitentwöhnte Hochleistungskinder, während die ausgeglichene Mitte immer weiter ausgedünnt wird.
Unsere Schulen kommen nicht umhin, die gesellschaftliche Realität im Durchschnitt abzubilden und ganzheitlich als förderndes und einendes Korrektiv zu wirken. Insbesondere an Bildung zu sparen kann sich kein moderner Staat mehr leisten. Wir brauchen jedes Gehirn und jede Hand – frühzeitige Selektion kann hierbei nicht als Qualitätssteigerung funktionieren, sondern wird bestehende Probleme nurmehr maximieren.
Meine Tätigkeit in einem Hort in Hamburg Eimsbüttel zeigt mir, wie sehr der familiäre Hintergrund eines Kindes die spätere Schullaufbahn beeinflusst. Ich selbst sehe in meinem sozialen Nebenjob die Hauptaufgabe darin, schwächeren Schülern – beispielsweise aus einer nicht deutschsprachigen Familie – innerhalb der Grundschulzeit, das Aufschließen an den Klassendurchschnitt zu ermöglichen. Dies ist nicht unmöglich und mit jeder weiteren Klassenstufe reduziert sich der anfängliche Unterschied zwischen den verschiedenen Kindern einer Jahrgangsstufe. Aus meiner subjektiven Sicht behaupte ich, es ist mit genügend (Zeit-)Aufwand möglich jedem gesunden Kind zumindest zu einem vernünftigen Realabschluss ohne Sitzenbleiben zu verhelfen. Wissen und Lernfähigkeit wird stark durch das Umfeld beeinflusst. Dies kann aber in jedem Fall optimiert, wenn nicht sogar egalisiert werden.
Leider versucht WWL (Wir wollen lernen) mit hanebüchenen Vergleichen, ein überholtes Schulsystem zu erhalten. So müssen insbesondere Gesamtschulen und ihre Schüler als Beweis für die höhere Qualität von Gymnasien herhalten. Das System Gesamtschule scheiterte allerdings nicht zuletzt am Parallelbetrieb des dreigliedrigen Schulsystems. Auf diese Art und Weise waren und sind Gesamtschulen leider doch immer nur das Restelager eines Schülerjahrgangs geblieben. Bestenfalls geeignet um einige wenige Hauptschulkandidaten zu höheren Weihen zu verhelfen – die Selektion fand jedoch nur intensivierter statt.
Unser Schulsystem ist marode, es wurde viel zu lange kaputtgespart und die Lehrerausbildung ist ganz sicher nicht zweckdienlich für optimale Unterstützung unseres Nachwuchs. Hier liegt mit Sicherheit auch der Konsens der Debatte: Gute Schulen und folglich gute Bildung benötigen weit mehr finanzielle Mittel, als die letzten Jahrzehnte. Das Budget für Bildung muss zwingend intensiv erhöht werden, und zwar insbesondere aus wirtschaftlicher Vernunft. Die Folgekosten jeder gescheiterten Perspektive sind höher, als eine noch so hohe Investition in die Zukunft eines jeden Kindes.
Ziel muss sein:
Eine ausschließliche Primar- bzw Stadtteilschule bis zur Klasse 10, mit daraus resultierendem Realschulabschluss. Anschließend beginnt die dreijährige Oberstufe mit dem Abitur als Abschluss. Es gibt in diesem Modell zwei mögliche Ausstiegsoptionen für die Schüler – nach Klasse neun mit dem Hauptschulabschluss und nach Klasse elf mit der Fachhochschulreife. Darüberhinaus wird die flächendeckende garantierte und kostenlose Verfügbarkeit von Kindergartenplätzen benötigt, welche auch und insbesondere für sozial schwächere Familien bereitstehen müssen.
Hier geht die Reform leider noch nicht weit genug, ist aber der einzig richtige Stolperschritt in die richtige Richtung.
Kinder wollen lernen – keine Frage, dies muss aber für alle Kinder und ohne Berücksichtigung ihrer Herkunft gelten.
Schulreform: Weitere Gedanken und ARD Panorama